Pendeln, die wahren Kosten und die Alternativen

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Vor allem Paare sehnen sich immer noch mit der Geburt des ersten Kindes nach einem Leben auf dem Land.Viele wollen dem Nachwuchs eine sichere Umgebung und ein Aufwachsen in der Natur ermöglichen. Das tägliche Pendeln zur Arbeit in die nächst größere Stadt und Fahrtzeiten von 40 Minuten oder mehr werden billigend in Kauf genommen. Als Argument werden dann häufig die billigeren Wohnkosten im ländlichen Raum herangezogen.

Pendeln ja nein?

Schade eigentlich, da diese Sichtweise eines der größten Missverständnisse ist, das zu Armut und Stress für die Betroffenen führt. Und nicht nur in Deutschland ist dieses Phänomen weit verbreitet, sondern auch in anderen westlichen Industrienationen wie den USA oder Kanada.

Transparenz über die Kosten beim Pendeln zur Arbeit

Am einfachsten ist es, sich das volle Ausmaß der Kosten anhand eines Beispiels zu verdeutlichen. Angenommen ein Paar mit zwei Kindern entscheidet, aus der Münchner Innenstadt in Richtung Starnberger See zu ziehen. Die Entfernung zum Arbeitsplatz in München ist 40 Kilometer und die Fahrtzeit beträgt zwischen 40-60 Minuten. Beide Partner sind erwerbstätig und müssen in die Stadt. Da die Kinder vom Kindergarten und der Schule abgeholt werden müssen, sind zwei Autos notwendig. Gehen wir davon aus, dass die Familie einen Wagen der unteren und einen Kombi der gehobenen Mittelklasse fährt. Die Kosten pro gefahrenen Kilometer liegen dann laut ADAC Autokosten bei 40 cent/km und 60 cent/km. Diese Kosten enthalten Wertverlust der Autos, Betriebskosten, Reparaturkosten und Fixkosten wie Versicherungen. Daraus ergeben sich tägliche Pendlerkosten von 80 EUR für die Familie und die beiden Autos. Bei einer vorsichtigen Annahme von 200 Arbeitstagen ergeben sich so Pendlerkosten von 16.000 EUR für die Familie im Jahr. Schon ein happiger Betrag. Das sind innerhalb von nur 10 Jahren 160.000 EUR. Mathematisch sehr einfach und trotzdem machen sich nur wenige Leute diese selbst auferlegten Kosten klar.

Und das ist nur eine Belastung für die Familie. Die zweite Dimension, die es in Betracht zu ziehen gilt ist der Zeitaufwand. Das Paar verbringt jeden Tag zusammen 3 Stunden und 20 Minuten im Auto. Das summiert sich im Jahr auf 28 Tage und in 10 Jahren auf mehr als 9 Monate an Lebenszeit, die das Paar im Auto verbringt.

Ohne Auto in der Stadt

Natürlich gilt es hier die Opportunitiätskosten von einem Leben in der Stadt in Betracht zu ziehen. Die günstigste Alternative ist natürlich, in der Stadt auf ein Auto zu verzichten. In Großstädten werden Autos mehr als 95% der Zeit nicht genutzt. Ein Auto zu besitzen ist somit reiner Luxus oder Geldverschwendung, je nachdem wie man es ausdrücken möchte. Sollte man einen fahrbaren Untersatz benötigen, kann man in den meisten deutschen Großstädten auf Dienste wie Drive Now zurückgreifen. Betriebswirte würden sagen, das spart CAPEX, d.h. nutzlos rumstehendes Kapital. Diese Alternative sollte eine Einsparung von 14.000-15.000 EUR pro Jahr bringen. Die Rechnung über 10 Jahre ist jedem selber überlassen.

Kauf von Gebrauchtwagen anstatt Neuwagen

Die zweite Alternative richtet sich an Leute, die nicht komplett auf ihre individuelle Mobilität verzichten wollen. Diese sollten sich ein möglichst altes Auto kaufen, bei dem mit nur noch geringen Wertverlust zu rechnen ist. Für gelegentliche Fahrten und Ausflüge sind solche Autos durchaus ausreichend. Aber alleine in diesem Fall kommen einige Kosten zustande. Gehen wir von einem Kaufpreis von 10.000 EUR aus, jährlichen Reparaturkosten von 1000 EUR, Versicherungskosten von 1000 EUR und Benzinkosten bei geringer Nutzung (ca. 5000km) von 600 EUR. So ergeben sich immerhin noch Kosten von 4000 EUR pro Jahr für den PKW. Wir reden aber immer noch von einer Einsparung von 12.000 EUR pro Jahr gegenüber dem Pendlermodell. Die Lebenszeit ist da noch nicht mit eingerechnet.

Leben auf dem Land

Es gibt aber auch eine dritte Alternative, die meistens nicht in Betracht gezogen wird und das ist die Suche nach einer neuen Arbeitsstelle auf dem Land. Vielleicht bringt sie nicht so viel Einkommen, vielleicht hat sie nicht so viel Prestige, aber die Kosten des Pendelns lassen diese Option dann auch wieder interessant erscheinen.

Wie sieht ein lokal attraktiver Lebensstil mit Kindern aus? Diese Überlegung scheinen sich viele an der Stelle nicht zu stellen und nehmen eher das teure und aufwendige Pendeln in kauf. Häufig werden dann Gründe wie niedrigere Häuser oder Mietpreise, wahrgenommene Schulqualität oder Qualität der Nachbarschaft angebracht. Die Argumente reichen dafür, dass nie die Anstrengungen unternommen werden, einen schönen lokalen Lebensstil für sich selber zu schaffen. Stattdessen pendeln die Leute lieber 1-2 Stunden pro Tag zur Arbeit, um abends im Dunkeln aus dem Fenster zu schauen, wo anscheinend Bäume stehen oder eventuell sogar ein Berg.

Bei jeder dieser drei Alternativen sind noch die Lebenszeitkosten mit einzuberechnen. Die Bewertung sollte jede Person für sich selber machen, abhängig davon wieviel einem die Zeit mit der Familie Wert ist und wie hoch die alternativen Verdienstmöglichkeiten sind. Gehen wir einmal von 25 EUR pro Stunde aus, was einem Bruttoeinkommen von 4000 EUR bei 40 Stundenwochen entspricht. So ergeben sich multipliziert mit der Pendlerzeit Kosten von noch einmal ca. 16.000EUR im Jahr.

Und jetzt, wo die Wahrheit endlich über die Torheit des Pendelns aufgedeckt worden ist, freue ich mich über die leeren Autobahnen und die mit Fahrrädern gefüllten Straßen morgens früh.

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